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Den Schritt zurück gibt es nicht

Felix Stalder ist Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung und führt im Interview aus, wie die Kultur der Digitalität das Wissen verändert und was das für die Bildung bedeutet.

Interview: Irena Sgier

Mit Ihrem Buch „Kultur der Digitalität“ haben Sie der Diskussion zur Digitalisierung eine neue Wendung gegeben. Im Zentrum Ihres kulturwissenschaftlichen Ansatzes stehen nicht Technologien, sondern gesellschaftliche Prozesse. Was genau bedeutut „Digitalität“ und in welchem Verhältnis steht sie zur Digitalisierung?

Digitalisierung ist ein Prozess, der analoge Medien und darauf basierende Prozesse in digitale Medien überführt. Bei der Digitalisierung handelt es sich also um einen Prozess des Übergangs von einer Bedingung in eine andere. Die Digitalität ist eine solche Bedingung. Sie ist die Bedingung des Lebens und Arbeitens, des sich Orientierens unter der Voraussetzung, dass digitale Medien flächendeckend implementiert sind. Digitale Medien bilden die Infrastruktur einer Kultur der Digitalität, sie prägen die sozialen, kulturellen und politischen Prozesse.

Den Gipfelpunkt der Digitalisierung haben wir vermutlich bereits überschritten. Die digitalen Technologien sind allgegenwärtig und haben die Voraussetzungen, unter denen wir leben und arbeiten, grundlegend verändert. Diese neuen Voraussetzungen würde ich als Digitalität bezeichnen.

In Ihrem Buch betonen Sie, was im Verlauf der Digitalisierung an Neuem entsteht. Wo entstehen denn aus Ihrer Sicht zurzeit die interessantesten neuen Möglichkeiten?

Spannend finde ich unter anderem die Frage: Wer sind die zentralen neuen, wirtschaftlich mächtigen Akteure, die eine grosse Zahl von Nutzern ansprechen? Sie versprechen den Nutzern Orientierung in einem riesigen, chaotischen Informationsuniversum. Diese Akteure geben den Nutzern die Möglichkeit, grosse Informationsmengen zu verarbeiten und den Umgang mit diesen Informationsmengen produktiv zu gestalten. Produktiv in dem Sinn, dass die Nutzer Informationen nicht nur aufnehmen, sondern auch eigene Meinungen, Haltungen oder Werturteile in einer für andere wahrnehmbaren Weise zum Ausdruck bringen können. Das ist für mich einer der interessantesten neuen Spielräume.

Gab es das nicht immer schon?

Die Möglichkeit, eigene Haltungen gegenüber Informationen und Wissen auszudrücken, gab es natürlich schon immer. Was wir jetzt erleben, ist aber, dass diese Interpretationsleistung durch die Verbreitung in Netzwerken in einem Ausmass produktiv gemacht wird, das alles Bisherige übersteigt. Dabei entsteht die Möglichkeit, ungeheuer viele verschiedene Informationsfilter dafür zu generieren, was verschiedene Menschen als interessant erachten und mit ihrem Umfeld teilen wollen. Was wir hier erleben, ist eine starke kulturelle Diversifizierung. Erstmals entsteht auch für marginale oder sehr spezialisierte Interessen eine kritische Masse an Personen, die diese Themenfelder bearbeiten können. Wenn ich das sage, benenne ich strukturelle Möglichkeiten, ich fälle kein Werturteil darüber, wie sinnvoll es ist, allen diesen Interessen eine Bühne zu geben.

Sie sagen, dass die Kultur der Digitalität neue Spielräume eröffnet, indem sie die Möglichkeiten erweitert, individuellen Meinungen und Werturteilen Gehör zu verschaffen. Gehen in dieser Kultur auch bisherige Spielräume verloren?

Eine grosse Herausforderung liegt darin, dass die Kontextualisierung von Handlungen und Äusserungen brüchig wird. Da gehen sicher Spielräume verloren. Vor der Digitalisierung war klar, dass in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Regeln herrschten und unterschiedliche Äusserungsformen möglich waren. Worüber ich mit meinem Arzt sprach, was ich meinen Freunden erzählte oder in einem beruflichen Meeting sagte, blieb auf den jeweiligen Kontext beschränkt. Innerhalb des einzelnen Kontextes konnte man sich äussern, experimentieren und Rollen ausprobieren, ohne damit rechnen zu müssen, dass dies in anderen Kontexten bekannt wird. Dadurch bestand innerhalb einzelner Kontexten ein grosser Spielraum für Erfahrungen und Experimente.

Wenn die Möglichkeiten schwinden, in einem klar begrenzten Rahmen mit neuen Denk- und Verhaltensweisen zu experimentieren, gehen wichtige Spielräume verloren.

Jetzt erleben wir, dass es sehr einfach geworden ist, Dinge von einem Kontext zum anderen zu transferieren. Was im halbprivaten Raum gesagt wurde, kann plötzlich eine gesamtpolitische Bedeutung erhalten.

Wie kommt es, dass die unterschiedlichen Räume und Kontexte wieder stärker zusammen­wachsen?

Das hat mehrere Gründe. Einerseits hat es etwas mit der medialen Verfasstheit zu tun, damit, dass alles im selben Medium, im Internet stattfindet. Die unterschiedlichsten Tätigkeiten sind immer nur eine Suchanfrage voneinander entfernt.

Ein zweiter Grund hat mit der Veränderung der Arbeitswelt zu tun. Es gibt immer mehr Tätigkeiten, die ein Involviertsein der ganzen Person verlangen, die man also nicht in der Haltung ausüben kann: Ich mache hier nur meinen Job, aber das interessiert mich gar nicht und eigentlich bin ich das gar nicht. Tätigkeiten, die ein Involviertsein der ganzen Person verlangen und versprechen, fordern uns aktiv auf, die Grenzen zwischen den verschiedenen Kontexten zu durchlöchern.

Hier klingt die Diskussion um die Subjektivierung der Arbeit an. Die Unternehmen erwarten von den Mitarbeitenden zunehmend, dass sie sich mit Haut und Haaren in die Arbeit einbringen. Würden Sie das auch als Ausdruck einer Kultur der Digitalität sehen?

Ich würde sagen, das ist Teil einer grösseren historischen Transformation, die durch die Digitalisierung verstärkt wird. Die Rolle von Technologie im sozialen Prozess ist eine alte, ungelöste Frage. Verbreitet ist die Optik, wonach die Technologie in einen bestehenden Prozess einfällt und den Prozess verändert. So verläuft die Entwicklung aber nicht. In meinem Buch versuche ich aufzuzeigen, dass soziale Prozesse aus ganz unterschiedlichen Gründen und an vielen verschiedenen Stellen in Bewegung geraten und neue Möglichkeiten oder Zwänge schaffen. Ein solcher Prozess war eine Veränderung der Arbeitswelt, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und zunächst nichts mit Computern, aber sehr viel mit der steigenden Komplexität der Arbeitsabläufe zu tun hatte.

Technologien können diese Transformationen beschleunigen, sind aber nicht deren Auslöser. Zunächst muss es eine Vorstellung davon geben, etwas verändern zu wollen. Ausserdem braucht es einen gewissen Druck, die Mühe der Veränderung auf sich zu nehmen. In diesem Prozess verändert sich das Spielfeld nicht nur für Akteure, die eine Veränderung anstreben, sondern auch für alle anderen. Sobald irgendwo ein neues Organisations- und Arbeitsparadigma erfolgreich eingeführt ist, steigt der Veränderungsdruck auf alle Akteure.

Dass überhaupt ein Raum für Veränderungen und eine gesellschaftliche Notwendigkeit für Investitionen geschaffen wird, hat also mit der vorhergehenden Dynamik in der Gesellschaft zu tun. Dieser Prozess wird nicht durch die Technik ausgelöst.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Bildung? Wo entstehen in der Kultur der Digitalität Aufgaben und Herausforderungen für das Lernen von Erwachsenen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man einen Schritt zurücktreten. Die Digitalisierung als Übergang und die Digitalität als Bedingung zeichnen sich durch eine enorm hohe Komplexität aus, was damit zusammenhängt, dass die einfacheren, linearen, monokausalen Erklärungsmuster nicht mehr greifen. Was das bedeutet, sehen wir beispielsweise im ökologischen Bereich. Wir leben heute in einer hochkomplexen Welt und bemühen uns, unsere gesellschaftlichen Institutionen dieser Komplexität anzupassen. Das hat sehr direkte Folgen für die Bildung. Eine der für die Struktur des Wissens zentralen Folgen betrifft die Art und Weise, wie wir etwas über die Welt erfahren und dieses Wissen zugänglich machen.

Die klassische Methode der Wissenschaft und des kritischen Diskurses, Wissen zu generieren, beruht auf Distanz. Ich brauche eine gewisse Distanz zum Phänomen, um darüber reflektieren zu können. Dahinter steht die Vorstellung, dass ein Phänomen aus der Distanz besser überschau- und sichtbar ist als aus der Nähe. Distanz schafft also eine gewisse Freiheit, sie schafft die Möglichkeit einer eigenständigen, kritischen Reflexion. Das funktioniert aber nur, wenn der Gegenstand, den man aus der Distanz betrachtet, bezüglich Grösse und interner Komplexität gewisse Grenzen hat. Nun bekommen wir es aber zunehmend mit Phänomenen zu tun, die enorm gross und weitverzweigt, also sehr komplex und dynamisch sind. Da ist es kaum mehr möglich, die Distanz zu gewinnen, aus der man ein Phänomen unbeteiligt beurteilen kann.

Was wir heute erleben, ist eine grundlegende Veränderung der Art, wie Wissen generiert und dargestellt wird. Die Digitalität – verstanden als von digitalen Technologien geprägte Bedingung, wie wir etwas über die Welt erfahren und wie wir mit der Welt verbunden sind – erlaubt uns, andere Beziehungen zu knüpfen, neue Muster der Darstellung zu suchen und den bisherigen Mustern zu misstrauen. Die Dinge kommen oft wesentlich direkter und weniger oder anders gefiltert auf uns zu als früher.

Kann man daraus ableiten, dass Sie den Umgang mit Komplexität als Schlüsselproblem der Bildung in einer Kultur der Digitalität sehen?

Das würde ich so sehen, ja. Mit steigender Komplexität werden die Dinge so vielschichtig und vernetzt, dass der Charakter des einzelnen Dings sehr wandelbar wird. Je nachdem, in welchem Zusammenhang die Dinge stehen, kann es sein, dass sie kaum mehr als einzelne Phänomene erfassbar sind. Damit wird auch die Positionalität des Betrachters extrem wichtig, weil sie ja an der Herstellung der Zusammenhänge beteiligt ist. Die Dinge sehen aus verschiedenen Orten und Blickwinkeln unterschiedlich aus, was dem Ganzen eine zusätzliche Dynamisierung verleiht und die Komplexität weiter erhöht.

Wenn die Komplexität weiter steigt, wächst auch die Macht jener, die damit umgehen können. Ist dieser Machtzuwachs nicht problematisch?

Der Machtzuwachs ist tatsächlich enorm und kann aus demokratischer Perspektive problematisch sein. Aber die Tatsache, dass wir als Kollektiv, als Gesellschaft die Möglichkeiten erhalten, komplexere Phänomene zu verstehen und in sie einzugreifen, halte ich für eine grundsätzlich positive Entwicklung. Nehmen Sie beispielsweise den Umgang mit Ressourcen: Wir können uns nicht länger auf den Standpunkt stellen, dass die Dinge aus dem Nichts kommen und nach Gebrauch wieder spurlos im Nichts verschwinden. Diese Haltung haben wir in den letzten zweihundert Jahren vertreten, heute brauchen wir wesentlich komplexere Vorstellungen von Kreisläufen und Zusammenhängen, um den Umgang mit Ressourcen zu verstehen und verändern zu können.

Für die Gesellschaft und die Institutionen ist es eine enorme Herausforderung, komplexere Vorstellungen zu entwickeln. Diese Herausforderung muss auf vielen Ebenen gleichzeitig angegangen werden, auch auf epistemologischer Ebene: Wie wissen wir überhaupt etwas über die Welt? Und wie vermitteln wir dieses Wissen? Wie generieren wir es so, dass es für andere Menschen zugänglich wird?

Als Kulturwissenschaftler analysieren Sie diese komplexe Entwicklung aus der Distanz. Sie unterrichten aber auch an einer Bildungsinstitution und sind folglich selbst mit den Auswirkungen der Digitalisierung in der Bildungspraxis konfrontiert. Wo begegnet Ihnen die Digitalität in Ihrem Alltag als Dozent?

Digitalität begegnet mir vor allem dort, wo ich es mit Gebieten zu tun habe, auf denen meine Studenten weit mehr wissen als ich. Die Komplexität der Gegenstände und Felder ist so stark gestiegen, dass es illusorisch wäre zu meinen, ich könnte über das ganze Fachwissen verfügen. Tatsächlich wissen die Studenten vieles, das ich nicht weiss. Sie können sich wesentlich tiefer in ein spezifisches Thema einarbeiten als ich, der damit beschäftigt bin, einen Überblick zu erstellen und den Studenten die Mittel an die Hand zu geben, mit ihrem spezifischen Wissen sinnvoll umzugehen.

Meine Aufgabe als Dozent besteht unter anderem darin, das dekontextualisierte Wissen, das die Studenten aus Suchmaschinen beziehen, in einen reflektierten, grösseren Zusammenhang einzubetten. Woher kommt das Wissen? Wohin geht es? Warum taucht es in diesem oder jenem Kontext auf?  

Zum Schluss würde ich gern einen Blick in die Zukunft werfen. Wenn Sie die Aufgabe hätten, die Bildung der Zukunft zu gestalten: Wie würden Sie mit den Bildungsinstitutionen umgehen? Würden Sie sie umgestalten – oder vielleicht ganz abschaffen?

Abschaffen würde ich die Institutionen auf keinen Fall. Ich bin überzeugt, dass Bildung nach wie vor die Aufgabe hat, soziale Mobilität zu ermöglichen. Eine gute öffentliche Bildung trägt entscheidend dazu bei, eine harte Stratifizierung der Gesellschaft abzumildern. Dazu müssen wir in der Bildung einerseits die Fähigkeit vermitteln, mit standardisierten Situationen umzugehen, und andererseits die Fähigkeit, das individuell Spezifische zu artikulieren. Es reicht nicht, einen Partizipations-Grundkurs anzubieten und zu meinen, damit hätten alle das Rüstzeug, um an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen.

Um die Komplexität bewältigen zu können, braucht es beides, eine gewisse Standardisierung – in dem Sinn, dass wir uns mit Situationen befassen, die auch von anderen geteilt werden – und die Auseinandersetzung mit dem Individuellen, Spezifischen. Die Individualisierung sollte allerdings auch ihre Grenzen haben. Wie man zurzeit in Bezug auf die digitalen Medien sieht, kann Individualisierung so weit gehen, dass sich Leute in ihrer eigenen Welt einsperren und kaum mehr eine Vorstellung davon haben, in welchen Welten sich andere bewegen.

Literatur

Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp

Dieser Text ist die Kurzfassung des Interviews, das im Frühjahr erscheint in:

Haberzeth, Erik; Sgier, Irena (Hrsg.) (2019): Digitalisierung und Lernen. Gestaltungsperspektiven für das professionelle Handeln in der Erwachsenen- und Weiterbildung. Bern: hep

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