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Die vermeintliche Freiheit und der Zwang zur Selbst­optimierung

Wir scheinen in einer Lern­kultur angekommen zu sein, in der das Individuum grösstmögliche Freiheit der Gestaltung geniesst. Doch diese Freiheit ist mehr Schein als Sein. Mit Foucault ent­zaubert die Professorin für Erwachsenenbildung Ulla Klingovsky die «schöne neue Lernkultur».

Eine Ihrer Publikationen trägt den Titel «Schöne neue Lernkultur». Was verstehen Sie unter dem Begriff «Lernkultur»?

Der Begriff der Lernkultur ist in der Fachliteratur nicht klar umrissen. Dennoch wurde im ausgehenden 20. Jahrhundert im Kontext der Diskussion um selbstorganisiertes, lebenslanges Lernen und Kompetenzorientierung die Forderung nach einer «neuen» Lernkultur laut.

Meines Erachtens bleibt der Begriff diffus, er verweist nicht auf etwas real Gegebenes, sondern funktioniert mehr als ein Versprechen: Das Lernen der Menschen soll in dieser neuen Lernkultur freier, lebendiger, selbstbestimmter und die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten sollen endlich unbegrenzt sein. Eine neue Lernkultur soll dabei Prozesse ermöglichen, in denen Lernende ihre Lernbedürfnisse selbst feststellen, ihre eigenen Lernziele definieren und ihre persönlichen Ressourcen für das Lernen mobilisieren. Keine Bevormundung, gar Manipulation durch die Macht der Kursleitenden und Institutionen mehr; deren Fremdbestimmung soll in einer neuen Lernkultur demgegenüber durch radikale Selbststeuerung abgelöst werden.

Nun könnte man sagen: Das klingt alles schön und gut, aber dieses Versprechen wurde ja so bislang noch gar nicht eingelöst. Noch immer sitzen Erwachsene in uniform möblierten und organisierten Kursräumen, lauschen mehr oder weniger aufregenden Power-Point-Vorträgen und sind von ihren Arbeitgebenden in die Weiterbildung entsendet worden. Wir sind ja weit von einer mobil-flexiblen Innenarchitektur individualisierter Lernateliers oder kollaborativer Erkundungsräume entfernt. Aber dennoch ist der Begriff auch kein leeres Versprechen.

Die Erwachsenen- und Weiterbildung im neuen Jahrtausend soll einen radikal individualisierenden Umbau erfahren: Die Bildung Erwachsener wird hierin nicht (länger) als kollektive Notwendigkeit betrachtet, sondern als persönliche Investition.

Sondern?

Betrachten wir die Versprechen der neuen Lernkultur mit der Machtanalyse Michel Foucaults, erkennen wir ihre subjektorientierte Programmierung. Die Erwachsenen- und Weiterbildung im neuen Jahrtausend soll einen radikal individualisierenden Umbau erfahren: Die Bildung Erwachsener wird hierin nicht (länger) als kollektive Notwendigkeit betrachtet, sondern als persönliche Investition. Statt eines staatlich geregelten Rechts auf Bildung werden Weiterbildungsverpflichtungen installiert und Laufbahnoptionen an Zertifikate gekoppelt. Anstatt die Erwachsenen- und Weiterbildung im Kontext von Demokratie, Wissensgenese und gesellschaftlichen Verhandlungsprozessen über drängende Gegenwartsfragen zu verorten, gerät sie in die Fänge von kleinteiligen Zertifikats-, Akkreditierungs- und Beurteilungsverfahren, mit deren Hilfe die individuelle Brauchbarkeit für den Arbeitsmarkt nachgewiesen werden soll. Diese Umbauarbeiten geben durchaus Anlass zur Kritik, vor allem, weil sie zugleich mit einem Umbau der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt zu tun haben – Stichworte: Individualisierung, Responsibilisierung, Ökonomisierung, Digitalisierung, Abbau des sogenannten Wohlfahrtsstaates etc.

Inwiefern kann die Machtanalyse Foucaults dies offenlegen?

Was meine Faszination für Foucaults Machttheorie ausmacht, ist der radikal andere Machtbegriff, den er uns zu denken aufgibt. Für Foucault ist Macht eben gerade nicht in einem Staatsapparat lokalisiert, sie ist auch kein Besitz. Es ist nicht so, dass manche – «der Staat», «die Unternehmen» – die Macht besitzen, während andere nicht über sie verfügen. Macht wirkt für Foucault auch nicht von oben nach unten. Die fundamentalste Überlegung liegt aber in der Verabschiedung des Gedankens, wonach Macht immer nur negativ verhindernde oder einschränkende Funktion hätte. Bei Foucault ist die Macht raffiniert, kreativ, sie stachelt an, sie fordert heraus, kurz gesagt: Sie unterstützt den permanenten Umbau von sich selbst, den Verhältnissen, Ritualen und Gewohnheiten.

Und das ist gewissermassen genau das, was in der neuen Lernkultur gefordert wird: Niemand soll hier von jemand anderem zum Lernen «gezwungen» werden, aber dennoch wird die klassische Angebotsstruktur der Erwachsenenbildung, in der ein strukturierter Aufschluss von Lerngegenständen ermöglicht werden sollte, von einer reinen Nachfrageorientierung abgelöst, in der Subjekte selbst nach ihren vermeintlichen Bedürfnissen (resp. den Bedarfen der Arbeitgebenden) Weiterbildungsangebote wie ein Produkt erwerben. Auch die Profession – so die Forderung – habe sich mit all ihren professionellen Beratungs-, Lehr- und Gestaltungskompetenzen zurückzuziehen, weil sie das Lernen Erwachsener doch nur fremdbestimmen würde. An ihre Stelle tritt radikale Selbstbestimmung der lernenden Subjekte. Die hierfür in einer neuen Lernkultur vorgestellten Gestaltungsoptionen – die sich gegenwärtig auch in den zahlreichen Online-Weiterbildungen zeigen – lassen sich mit Foucault durchaus als «Technologien des Selbst» bezeichnen: Anleitungen, die es den Individuen ermöglichen, eine Reihe von Operationen an ihrem Denken, Handeln und ihrer Existenzweise vorzunehmen, um damit sich selbst und ihr eigenes Lernen permanent umzugestalten und weiterzuentwickeln. Sie dienen vor allem dazu, sich selbst als jederzeit flexibles, eigenaktives und selbstverantwortliches individuelles Subjekt resp. als Humankapital zu entwerfen.

Aber es besteht doch sozusagen Wahlfreiheit – oder auch die Freiheit auf Verzicht?

Das ist richtig. Stets wird in den Umrissen einer neuen Lernkultur die absolute Freiheit, die grenzenlose Autonomie und die radikale Selbstbestimmung der lernenden Subjekte betont. Foucault zeigt nun aber, dass wir so frei, wie in dieser Narration des Individualismus unterstellt wird, letztendlich gar nicht sind – nicht sein können. Freiheit ist in gesellschaftlichen Verhältnissen stets eine relationale Grösse: Schon Hegel wusste, meine Freiheit endet dort, wo die des anderen beginnt. Der Clou einer derartigen Analyse ist also, dass Technologien des Selbst zwar freie Gestaltungsräume eröffnen, die Subjekte darin aber nicht frei, sondern angehalten sind, sich zu verändern. Das Credo lautet dann «Gestalte Dich selbst!» und dies permanent und stets auf neue, immer weiter in optimierender Weise.

Dem Prinzip des lebenslangen Lernens zu folgen, hiesse demnach, sich dem Zwang zur ständigen Selbstoptimierung unterzuordnen.

In einer durch und durch globalisierten, beschleunigten und von der Narration der ständigen Veränderungen geprägten Welt droht ein nur noch als Humankapital bezeichneter Mensch seine Lebensberechtigung zu verlieren, wenn er den Anschluss verliert. Wenn man Betroffene in dieser Weise zu Beteiligten macht, sind sie für ihr Scheitern am Ende letztlich selbst verantwortlich. Responsibilisierung heisst dieser Vorgang in der Fachliteratur. Und das ist das Gewaltvolle der von Foucault beschriebenen und als gouvernementalen Machtstrategie bezeichneten Umkehrung.

In wessen Interesse liegt das?

Der Neoliberalismus als Wirtschaftsform ist der ideale Nährboden für die gouvernementale Machtstrategie. Und er kennt Gewinner und Verlierer – oder mindestens Privilegierte und Subalterne. Foucault will allerdings erstmal – wie gesagt – nicht klar nach unten und oben sortieren. Für ihn gewinnt die gouvernementale Machtstrategie vielmehr zusätzliche Raffinesse, weil sie uns alle als Agenten der Macht erscheinen lässt. Das Individuum ist nicht mehr einfach Disziplinarobjekt, das überwacht und bestraft wird. Foucault erkennt in der gouvernementalen Machtstrategie eine diskursive Praxis: Wir geben Aufforderungen und Anrufungen weiter, spielen mit und schreiben uns alltäglich ein in die gouvernementale Machtmaschinerie. Wir sind Teil dieser Macht; sie steht uns nicht gegenüber – auch wenn es offensichtlich unterschiedliche Positionierung in dieser Maschinerie gibt.

Und wenn man sich einfach weigert mitzumachen?

Die Verweigerung gegenüber diesem Diskurs, so könnte man mit der amerikanischen Philosophin Judith Butler sagen, birgt die Gefahr, den Subjektstatus einzubüssen. Oder umgekehrt formuliert: Wer sich nicht jederzeit als fähiges, dynamisches, flexibles, intelligibles (d.h. sichtbares und anerkanntes) Subjekt entwirft – was eigentlich der Auftrag der Technologien des Selbst ist – entfernt sich gewissermassen selbst aus der gesellschaftlichen Sichtbarkeit und Anerkennung.

Foucault hat sein Konzept Ende der 1970er Jahre entwickelt. Warum ist diese Theorie heute noch immer aktuell?

Vermutlich liegt ein wesentlicher Grund dafür, warum Foucaults Machtanalysen bis heute eine ungebrochene Aufmerksamkeit erfahren, genau darin, dass er – übrigens erst in seinem Spätwerk und kurz vor seinem frühen Tod 1984 – eine gesellschaftliche Entwicklung antizipierte, die sich in den vergangenen vier Jahrzehnten erst voll entfaltet hat. In der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft in Filterblasen, der Disruption relativ einstimmiger gesellschaftlicher Kräfte, der Individualisierung und den damit verbundenen Ent-Solidarisierungsprozessen, den daraus hervorgehenden neuen sozialen Spaltungen sowie einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung werden die Folgen dieser Entwicklungen auch für uns heute lesbar.

Es gibt indes Gesellschaftsentwürfe, die eine Lösung aus diesem Dilemma vorschlagen. An Utopien mangelt es nicht.

Obwohl er stark von Marx beeinflusst war und auch die kritische Theorie der Frankfurter Schule wahrgenommen hat, bekundete Foucault als poststrukturalistisch informierter Denker eine Schwierigkeit mit dem Begriff der Utopie. Foucault versteht es als unsere Aufgabe, Kritik zu üben, kritisch zu sein. Mit der Kritik soll nun aber nicht der Schleier des falschen Lebens gelüftet werden, um das Wahre und Unverfälschte dahinter wieder freizulegen. Historisch betrachtet, ist beim Versuch, eine diverse, bunte, chancengerechte Welt zu erträumen, in der es keine Unterdrückung, keine Diskriminierung, keine Privilegien mehr geben würde, entschieden zu wenig bewegt worden. Wir schaffen vielmehr immer neue Verwerfungen, Ungerechtigkeits- und Abhängigkeitsverhältnisse. Für Foucault führt folglich jeder Versuch, eine schöne, heile, machtfreie Welt zu entwerfen, zu nur noch raffinierteren Strategien der Macht und neuen Machtverhältnissen.

Für den Diskursanalytiker Foucault gibt es kein Jenseits des Diskurses, nur ein machtvoll erstelltes Netz von Räumen und Strukturen ohne doppelten Boden.

Foucault stellt den Utopisten das Konzept der Heterotopie entgegen. Was ist darunter zu verstehen?

Für den Diskursanalytiker Foucault gibt es kein Jenseits des Diskurses, nur ein machtvoll erstelltes Netz von Räumen und Strukturen ohne doppelten Boden. Diskursanalytisch kann man nichts wegräumen, um das Dahinter, das «eigentlich Gute» sichtbar zu machen; man befindet sich immer in Verhältnissen und Ordnungen. Insofern versagt auch der Begriff der Utopie als eben jenes Wahre, Ursprüngliche und unverfälschte Schöne.

Der Begriff der Heterotopie scheint viel besser geeignet, die Potenziale kritischer Einsätze zu akzentuieren: Die Kritik hat, heterotopisch gedacht, zwei Funktionen: Sie soll helfen, die gesamte Realität als Illusion zu entlarven, und sie soll die geschaffenen Ordnungen in Frage stellen. Dadurch können Nahtstellen freigelegt werden, an denen sich die Brüche, Widersprüche und Kontingenzen einer «vernähten» Wirklichkeit auftun.

Foucault gibt uns zudem eine Art Bedienungsanleitung, um den heterotopischen Blick zu üben. Er empfiehlt, in einen Spiegel zu schauen. Was sieht man darin?

Im Spiegel lassen sich inspirierende Mischerfahrungen von Wirklichkeit und Unwirklichkeit machen. Die Spiegelung ist ein Ort ohne Ort. Im Spiegel sehe ich mich zum einen dort, wo ich gar nicht bin, d.h. im gespiegelten Raum. Zugleich platziert mich der Spiegel an exakt jenem Ort, den ich in Wirklichkeit einnehmen kann. Wenn wir von den Imaginationen sprechen, die der Spiegel ermöglicht, dann geht es nicht primär um eine Bildermaschine, die neue Bilderwelten schafft, sondern mehr um eine Bildermeditation, eine Analyse, die das Erschaffen mit dem Zerstören der Bilder kombiniert. Die heterotopische Imagination ist westlich dekonstruktiv – sie will die genormte Norm, die in der Regel reibungslos funktionierende, ausgrenzende Wirklichkeit de-konstruieren, um mögliche Re-Konstruktionen denkbar werden zu lassen.

Und damit kann man den immerzu wirksamen Machtverhältnissen ein Schnippchen schlagen?

Nun ja, in jedem Fall können wir uns über einen heterotopischen Blick die Möglichkeit eröffnen, die Strukturiertheit unserer Umgebung zu erkennen. Wir sehen die uns zugewiesenen Plätze und Aufgaben. Wir erfassen bereitgestellte (Selbst-)Technologien, die gleichermassen zur Verschärfung gesellschaftlicher Ungleichheiten führen, wie sie diskriminieren und unsere Vorstellungen von gutem und richtigem Leben bestimmen oder uns irritieren, die uns in jedem Fall in jedem erdenklichen Lebensbereich betreffen.

Für uns in der Erwachsenen- und Weiterbildung ist es schon interessant, die Optimierungslogik zu unterbrechen.

Wenden wir das nun auf die Weiterbildung bzw. die Weiterbildungskultur an. Was sehen wir?

Für uns in der Erwachsenen- und Weiterbildung ist es schon interessant, die Optimierungslogik zu unterbrechen. Wir können die Normorientierungen in Anerkennungsverfahren, Evaluationen und Qualitätsmanagementprozessen hinterfragen und uns als Disziplin und Profession einschieben zwischen die an unseren Teilnehmenden adressierten Anforderungen zur Selbstoptimierung und Selbstregierung, Responsibilisierung und Verwertbarkeit. So leisten wir eine notwendige Aufklärung über diese Verstrickungen: Aus machtkritischer Perspektive ist die Weiterbildung eben nicht lediglich unschuldig in die Vermittlung von Wissen oder die Beratung von Kompetenzentwicklungsprozessen involviert. Im Gegenteil: Die Weiterbildung ist als organisierender Prozess eine Tatsache und als kulturelle Praxis in die machtvollen Prozesse der Subjektivierung involviert, mit denen alltägliche Lebensführungsweisen geplant, erprobt und eingeübt werden.

Als Foucault seine Theorie der Heterotopie entwarf, war die Digitalisierung noch kein Thema. Heute leben wir im Zeitalter der Digitalität. Hat sich dadurch die Aufgabe der Bildungsarbeit mit Erwachsenen, wie Sie sie beschreiben, verändert?

Ich meine nein. Was sich in einer zunehmend digitalisierten Kultur über die komplexen Verstrickungen zwischen Menschen, digitaler Technik und Gesellschaft verändern wird, sind unsere Selbst- und Weltverhältnisse sowie unser Verhältnis zu Anderen. So lässt sich beobachten, dass Algorithmen, die uns Kaufvorschläge aufgrund unseres bisherigen Verhaltens machen, einen Teil unserer Selbstbestimmung aus unserem Leben herausrechnet. Das Problem liegt genau hier: die den Algorithmen zugrunde liegende Logik ist uns nicht transparent. Filterblasen wiederum, die entstehen, weil soziale Netzwerke uns nur noch ganz bestimmte, vorselektionierte Nachrichten zukommen lassen, prägen unsere Vorstellung von und über die Welt – und die Weiterentwicklung demokratischer Gesellschaften. Für meine Begriffe findet die Weiterbildung nun genau hier ihren gesellschaftlich relevanten Ort: an der Stelle, an der es nicht nur um Techniktrainings oder eine fragwürdige Anpassungsqualifizierung an äussere Bedingungen geht, sondern um Bildung in einer digital geprägten Kultur. Wie kann Weiterbildung die Menschen für diese neuen Problemzusammenhänge sensibilisieren? Wie gelingt es, Weiterbildung als Ort zu gestalten, an dem diese offenen Fragen um die Folgen der Digitalisierung und ihre ganz praktischen Alltagskonsequenzen reflexiv werden können. Das vorhandene Wissen über die Kontexte, Zusammenhänge und Effekte aktueller gesellschaftlicher Megathemen kollektiv verhandelbar zu machen, ist meines Erachtens eine zentrale Aufgabe von Weiterbildung in demokratischen Gesellschaften.

Würde dadurch die «schöne neue Weiterbildungskultur» tatsächlich schön werden?

Für meine Begriffe – das wurde und wird z.B. in der Corona-Krise deutlich – müsste die Erwachsenenbildung und Weiterbildung mit ihrem Aufklärungs- und Problematisierungspotenzial als entschieden systemrelevanter Faktor wahrgenommen werden. In Zeiten der Pandemiebekämpfung ist ja vielerorts ein grosser Wissens- und Aufklärungsbedarf deutlich geworden, der in bester erwachsenenpädagogischer Tradition über massive Aufklärungsarbeit an verschiedenen Orten, in verschiedenen Konstellationen, alleine, in Gesprächen oder Diskussionen bearbeitet werden konnte. «Volks»-Aufklärung ist aber nicht nur eine zentral wichtige Komponente der Pandemiebekämpfung, sondern auch eine zentrale Herausforderung für die Weiterentwicklung der von unterschiedlichen Seiten bedrängten westlichen Demokratien. Weiterbildung ist aus dieser Perspektive eben gerade keine Privatangelegenheit, sondern eine öffentliche Aufgabe. Oder in Anlehnung an den tschechischen Theologen, Philosophen und Pädagogen Johan Amos Comenius könnte man sagen: Sie ist eine öffentliche Aufgabe im Sinne der Verbesserungen der menschlichen Angelegenheiten.

Ist das realistisch in einer «Weiterbildungsrealität», die sich ganz und gar dem Markt verschreibt?

Krisen bieten nicht nur aus bildungstheoretischer Perspektive bekanntlich immer auch Chancen. Vielleicht wird es zukünftig möglich, vor jeder Abstimmung in der Schweiz demokratische Botschaften weniger wie Werbeartikel zu platzieren, sondern durch gut ressourcierte und medial unterstützte Weiterbildungsaktivitäten differenziertes Wissen zu generieren und komplexe Entscheidungsprozesse öffentlich zu verhandeln. «Meinungs»-Bildung in diesem Sinne kann und darf allerdings nicht das Geschäft einiger weniger bleiben. Wir versuchen deshalb mit einem Projekt mit dem Titel «Blind Dates» eine Zusammenführung von Wissensvermittlung, Mediennutzung und Community Learning. Grundlage der «Blind Dates» sind wissenschaftsbasierte Podcasts zu aktuellen Themen. Bei den «Blind Dates» treffen sich zwei oder mehrere Personen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Sie kennen sich nicht und werden einander von einem Algorithmus zugeteilt. Sie sprechen über ein aktuelles politisches Thema, wobei sie das aus den Podcasts gesammelte Wissen nutzen. So werden Prozesse der Meinungsbildung reflektiert und transparent. Die Diskussion wird wiederum als Podcast zur Verfügung gestellt, womit die Lernerfahrung der Diskutanten selbst Thema wird.

Und wie lautet nun Ihre Prognose zur Zukunft der Erwachsenenbildung?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich halte es denn nicht nur für ausgesprochen wichtig, die zivilgesellschaftliche Verankerung, gesellschaftspolitische Bedeutsamkeit und die bemerkenswerte Innovationskraft der Erwachsenen- und Weiterbildung in Erinnerung zu rufen. Ich denke, dies kann durchaus auch Früchte tragen.

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